Inklusive Raumgestaltung in der Kita ist weit mehr als „nur“ eine Frage des Mobilars oder der Ästhetik:
Sie entscheidet darüber, ob alle Kinder, Familien und pädagogische Kräfte aktiv am Kita-Alltag teilhaben können.

Ein durchdachter Raum kann Orientierung vermitteln, Selbstwirksamkeit schenken und Zugehörigkeit sichtbar und spürbar machen. Er kann Kindern signalisieren: Hier gehörst du dazu, hier darfst du mitentscheiden. Doch genauso können Räume durch unklare Strukturen, fehlende Rückzugsorte oder mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten unbewusst Barrieren aufbauen.
In diesem Beitrag werfen wir einen genaueren Blick auf die Frage:
Welche Möglichkeiten eröffnet unser Raum und welche Hürden bestehen möglicherweise noch, oft ganz ohne
böse Absicht?

Wir zeigen einen kleinen Einblick darin, wie sich Räume in der Kita zu
Lebensorten gestalten lassen: durch klare Orientierung, gelebte Partizipation, achtsame Kommunikation und die Bewusstmachung von Vielfalt. Dieser Artikel möchte kleine, erste Denkanstöße für eine inklusivere Raumgestaltung schenken. Viel Spaß beim Lesen!

Mit der PDF-Datei „Was erzählt dieser Raum“ zeigen wir erste alltagstaugliche Tipps zur Raumgestaltung auf. Über die Anmeldung zu unserem Newsletter lässt sich die Datei kostenfrei herunterladen.

Kitas sind Orte des Aufwachsens, der Begegnung und der Bildung.

Gleichzeitig sind sie komplexe Lebensräume, die Kinder täglich über viele Stunden hinweg erleben und mitgestalten. Die Gestaltung ist daher weit mehr als eine ästhetische oder organisatorische Entscheidung. Sie ist Ausdruck pädagogischer Haltung und hat unmittelbaren Einfluss auf Bildungsprozesse, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Teilhabemöglichkeiten.

Eine Entwicklungsgerechte und nachhaltige Raumgestaltung braucht neben der Beachtung gesetzlicher Rahmenbedingungen die Auseinandersetzung mit einer grundlegenden Fragestellung: Welche Bedingungen benötigen Kinder, um sich als kompetent, zugehörig und wirksam erleben zu können?

Ein Beitrag von Julia Hoffstiepel

Das sollte bei der Raumgestaltung von Kitas beachtet werden

Als Orientierung für päd. Kräfte in Kitas haben wir hier wichtige Aspekte der inklusiven Raumgestaltung aufgegriffen:

Teilhabe beginnt vor dem pädagogischen Angebot
Wenn über Teilhabe gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf Beteiligungsformen, Kinderkonferenzen oder Mitbestimmungsmöglichkeiten. Tatsächlich beginnt Teilhabe jedoch deutlich früher. Sie beginnt mit der Frage, ob Kinder ihre Umgebung verstehen und nutzen können.

  • Können Materialien eigenständig erreicht werden?
  • Finden sich Kinder im Raum zurecht?
  • Sind Abläufe nachvollziehbar?
  • Gibt es Wahlmöglichkeiten?
  • Werden unterschiedliche Kommunikationsformen berücksichtigt?
  • Können Kinder selbstständig Entscheidungen treffen?

Räume* kommunizieren permanent. Sie vermitteln Kindern Botschaften darüber, was erwartet wird, was möglich ist und wem ein Raum „gehört“. Ein Raum kann kommunizieren:

  • „Hier darfst du selbst entscheiden.“
  • „Hier findest du dich zurecht.“
  • „Hier ist Platz für deine Bedürfnisse.“
  • „Hier wirst du gehört.“
  • „Hier darfst du aktiv sein.“
  • „Hier kannst du dich zurückziehen.“
  • „Hier gehörst du dazu.“

Er kann jedoch auch andere Botschaften senden:

  • „Bitte fasse nichts an.“
  • „Du brauchst immer einen Erwachsenen.“
  • „Es gibt nur einen richtigen Weg.“
  • „Deine Art zu kommunizieren wurde nicht mitgedacht.“
  • „Du musst dich anpassen, um hier teilnehmen zu können.“

Diese Botschaften entstehen häufig nicht bewusst. Sie zeigen sich in der Anordnung von Materialien, in Zugänglichkeiten, in der Lautstärke eines Raumes, in Lichtverhältnissen oder darin, welche Menschen und Lebenswelten sichtbar gemacht werden. Räume sind daher immer auch Ausdruck davon, welche Vorstellungen von Gemeinschaft, Lernen und Zugehörigkeit vorhanden sind. Sie erzählen Geschichten darüber, wer mitgedacht wird und wer möglicherweise unsichtbar bleibt.

* (vgl. Becker-Textor, Ingeborg: Raumgestaltung und pädagogische Wirkung, 2007, www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/raumgestaltung/innenraeume/raumgestaltung-und-paedagogische-wirkung/, abgerufen am 12.08.26)

Räume als Spiegel pädagogischer Haltung
Räume sind niemals neutral. Sie spiegeln wider, welche Vorstellungen wir von Kindern haben:

Trauen wir Kindern Selbstständigkeit zu? Betrachten wir Vielfalt als Ressource? Verstehen wir Teilhabe als Grundprinzip oder als zusätzliches Angebot? Sind wir bereit, Barrieren in unserer Umgebung zu erkennen und zu verändern? Eine teilhabeorientierte Raumgestaltung beginnt daher nicht beim Kauf neuer Materialien. Sie beginnt mit einer reflexiven Haltung und der Bereitschaft, den eigenen Blick immer wieder zu hinterfragen. Diese Reflexion schließt auch die Frage ein, wie Macht im Raum verteilt ist:

  • Wer entscheidet über die Nutzung eines Raumes?
  • Wessen Bedürfnisse werden berücksichtigt?
  • Welche Perspektiven werden sichtbar?
  • Welche Perspektiven fehlen möglicherweise noch?

Kinder nehmen ihre Umwelt vielschichtig wahr. Während einige Kinder aktiv Reize suchen und vielfältige Sinneseindrücke benötigen, erleben andere erhöhte Lautstärken, visuelle Reize oder unvorhersehbare Veränderungen als belastend. Aus neurobiologischer Perspektive beeinflussen Umgebungsbedingungen unmittelbar die Möglichkeiten zur Selbstregulation. Ein dauerhaft hohes Reizniveau kann dazu führen, dass Kinder einen erheblichen Teil ihrer Energie für die Verarbeitung ihrer Umgebung aufwenden müssen. Eine Raumgestaltung, die Teilhabe möglichst uneingeschränkt mitdenkt, stellt daher auch Fragen nach Reizverarbeitung und Regulation:

  • Wo und wie finden Kinder Ruhe?
  • Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?
  • Wie wirken Licht und Akustik?
  • Welche Materialien unterstützen Regulation?
  • Wo können Kinder ihren Körper wahrnehmen und bewegen?
  • Wie können alle Kinder sich entsprechend ihrer Möglichkeiten ausdrücken und kommunizieren?

Räume, welche die Vielfalt an körperlichen und seelischen Bedürfnissen eines Menschen berücksichtigen, erweitern damit Teilhabechancen. Sie schaffen Bedingungen, unter denen Lernen, Beziehung, Interaktion und Selbstwirksamkeit entstehen können.
Weiterführende Informationen z. B. unter: STILLE STUNDE – Inklusion durch Reizarmut: Neurodivergenz-freundliche Atmosphäre in Kindergärten. Empfehlung für Kindergärten, 21.06.2024, www.stille-stunde.com/wp-content/uploads/2024/06/Stille-Stunde-Empfehlung-fuer-Kindergaerten-240621.pdf, abgerufen am 12.08.2026

Eine demokratische und diversitätssensible Raumgestaltung bedeutet, Räume nicht ausschließlich aus der Perspektive Erwachsener zu planen, sondern sie gemeinsam mit Kindern weiterzuentwickeln. Raumgestaltung an den Bedürfnissen, Ressourcen und Lerninteressen von Kindern auszurichten, ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich gemeinsam mit den Menschen entwickelt, die einen Raum täglich mit Leben füllen. Genau das ist die größte Stärke durchdachter Raumgestaltung mit Kindern:
Sie ermöglicht Kindern nicht nur, anwesend zu sein, sie ermöglicht ihnen, dazuzugehören.

Inklusive Raumgestaltung* orientiert sich nicht an einem vermeintlichen Durchschnittskind. Sie geht davon aus, dass Kinder unterschiedliche (unerfüllte) Bedürfnisse, Interessen, Gefühlsvielfalt, Wahrnehmungsweisen und Entwicklungswege mitbringen. Die zentrale Frage lautet nicht: „Welches Kind passt in unseren Raum?“ Sondern: „Wie muss ein Raum gestaltet sein, damit alle Kinder uneingeschränkt teilhaben können?“ Teilhabe bedeutet nicht nur, dass Kinder Räume nutzen können. Sie bedeutet auch, dass Kinder Einfluss auf die Gestaltung des Raums nehmen können. Eine partizipative Raumgestaltung betrachtet Kinder nicht als reine Nutzerinnen und Nutzer einer von Erwachsenen vorbereiteten Umgebung, sondern als aktive Mitgestaltende ihrer Lebenswelt. Kinder erleben Demokratie nicht nur durch formale Abstimmungen oder geplante Gesprächsformate. Demokratiebildung beginnt im Alltag, dort, wo Kinder erfahren, dass ihre Perspektiven gehört werden, dass ihre Ideen Bedeutung haben und dass gemeinsames Zusammenleben durch Aushandlungsprozesse entsteht. Dies kann bedeuten:

  • Kinder gestalten Bereiche mit und entwickeln eigene Nutzungsideen
  • Kinder entscheiden mit, welche Materialien benötigt werden
  • Kinder verändern Räume entsprechend ihrer Interessen
  • Kinder erleben, dass ihre Impulse aufgegriffen und sichtbar werden

Folgende Leitfragen können unterstützen:

  • Können Kinder sich und ihre Lebenswelt wiederfinden?
  • Werden unterschiedliche Familienformen sichtbar?
  • Finden verschiedene Sprachen und Kommunikationsformen ihren Platz?
  • Spiegeln Bücher, Bilder und Materialien die Vielfalt unserer Gesellschaft wider?

Wenn Kinder erkennen: „Dieser Ort erzählt auch etwas von mir“, wächst Anerkennung und Zugehörigkeit. Dabei geht es nicht darum, Vielfalt als zusätzliches Thema sichtbar zu machen, denn Vielfalt ist bereits Bestandteil jeder Kita-Gemeinschaft. Die Aufgabe besteht darin, diese wahrzunehmen, wertzuschätzen und selbstverständlich in die Gestaltung einzubeziehen.

* (vgl. Heimlich, Ulrich / Ueffing, Claudia: Leitfaden für inklusive Kindertageseinrichtungen, Kita-Fachtexte, Nr. 5/2021, www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/leitfaden-fuer-inklusive-kindertageseinrichtungen, abgerufen am 12.08.26)

Ziele von inklusiver Raumgestaltung in der Kita
  • Orientierung als Grundlage von Selbstständigkeit
    Orientierung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Sie schafft Vorhersehbarkeit, reduziert Unsicherheiten und unterstützt selbstständiges Handeln. Orientierung kann unter anderem unterstützt werden durch z. B. visualisierte Tagesabläufe, Fotos und Piktogramme, klar definierte Bereiche bzw. Raumstrukturen, transparente Materialsysteme, wiederkehrende Strukturen, nachvollziehbare Routinen, Unterstützte Kommunikation u. v. m.
    Eine durchdachte, vorbereitete und strukturierte Umgebung ist keine Sonderlösung, sondern Ausdruck universellen Designs.

  • Kommunikation sichtbar machen
    Kommunikation ist die Grundlage für selbstbestimmte Teilhabeerfahrungen. Gleichzeitig wird sie im pädagogischen Alltag häufig noch überwiegend mit Lautsprache gleichgesetzt. Ein teilhabeorientiertes Raumkonzept berücksichtigt hingegen die Vielfalt menschlicher Kommunikationsformen. Kommunikation kann sichtbar gemacht werden durch z. B. Gebärden, Gebärdensprache, Symbolkarten, Kommunikationsleisten, Bildkarten, Brailleschrift, mehrsprachige Beschriftungen, visualisierte Gebote und Abläufe, Musik, Unterstützte Kommunikation usw. Diese Elemente erweitern den kommunikativen Handlungsspielraum aller Menschen innerhalb einer Einrichtung. Unterstützende Strukturen, die für einzelne Menschen bedeutsam sein können, erweitern häufig die Möglichkeiten aller Menschen. Eine Raumgestaltung, die unterschiedliche Kommunikationswege selbstverständlich berücksichtigt, schafft damit nicht nur Zugänge zur Kommunikation, sondern auch mehr Möglichkeiten für Beteiligung, Begegnung und gemeinsames Lernen.

  • Räume der Partizipation
    Ein Raum der Partizipation ermöglicht, vermittelt die Botschaft: „Meine Meinung zählt.“ „Ich kann etwas bewirken.“ „Ich bin Teil dieser Gemeinschaft.“ Damit wird Raumgestaltung zu einem Erfahrungsfeld demokratischer Bildung.
    Weiterführender Literatur-Tipp: Haus Neuland e.V.: Partizipation in der Kita – Praxistipps zur Beteiligung von Kindern im Alltag, 2020, abgerufen am 12.08.2026

  • Räume fördern exekutive Funktionen
    Exekutive Funktionen*
    , also Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und kognitive Flexibilität, sind von zentraler Bedeutung für Bildungsprozesse. Räume können diese Entwicklung unterstützen. Kinder benötigen Gelegenheiten, Entscheidungen zu treffen und Handlungen zu planen, Probleme zu lösen und Strategien für eigene Lösungswege zu entwickeln, Materialien selbstständig auszuwählen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv mitgestalten zu können, selbstwirksam sein zu können und Gefühle differenziert zu erleben und Bedürfnisse zu äußern.
    Dies setzt voraus, dass Kinder nicht ausschließlich Konsumentinnen und Konsumenten pädagogischer Angebote sind, sondern aktive Mitgestaltende ihrer Umwelt. Daher braucht es Flexibilität in der Gestaltung und die Freiheit für selbstbestimmtes und freies Spiel.
    * (vgl. Deffner, Carmen / Schenker, Ina: Das Lernen anregen – Exekutive Funktionen fördern, zuerst erschienen in: Betrifft Kinder, 09/10-2021, S. 21–24, online unter: www.nifbe.de/fachbeitraege/das-lernen-anregen-exekutive-funktionen-foerdern, abgerufen am 12.08.26

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