Haben Sie sich schon einmal mit dem Bildungsgrundsatz „Körper, Gesundheit und Ernährung“, einem von 10 Bildungsgrundsätzen für Kitas in NRW beschäftigt?

Wir laden interessierte päd. tätige Personen in Kindertageseinrichtungen ein, sich über das Thema sexuelle Bildung zu informieren und diesen als präventiven Baustein zum Schutz von Kindern in Kitas zu verstehen. Daher freuen wir uns über diesen Kita-Blogartikel von Tim Berkels, einem ausgebildeten Sexualpädagogen, und wünschen allen Lesenden spannende Einblicke in das Themenfeld.

Weiterführende Informationen vgl. Bildungsgrundsätze für Kinder von 0-10, KiTa-Portal NRW, abgerufen am 26.06.2026 und z. B. Websprechstunde „Kinderschutz – Sexuelle Bildung als wichtiger präventiver Baustein eines gelingenden Kinderschutzes, Janina Passek, LVR-Landesjugendamt Rheinland, 29.04.2025, abgerufen am 26.06.2026

  • Tim Berkels:

Kindliche Sexualität – was Sie bedeutet und was sie nicht bedeutet

Kindliche Sexualität ist eines der Themen, bei denen Erwachsene schnell unsicher werden. Emotionen wie Angst, Scham, Unverständnis und Wut begegnen mir häufig in Kitas. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff „Sexualität“ im Alltag meist mit erwachsener Sexualität gleichgesetzt wird: mit Begehren, Erotik, Partnerschaft, Fokus auf den Genitalbereich oder sexueller Absicht.
Genau diese Gleichsetzung führt in der Kita jedoch in die Irre. Kindliche Sexualität ist keine verkleinerte Form erwachsener Sexualität. Sie ist spielerisch, neugierig, körperbezogen und entwicklungsorientiert. Sie ist Teil davon, wie Kinder ihren Körper, ihre Grenzen, ihre Gefühle und ihre Identität kennenlernen.

Sexualität ist dabei nicht einfach ein „Trieb“, der irgendwo im Menschen sitzt und kontrolliert werden müsste. Treffender ist es, von einem menschlichen Entwicklungspotenzial zu sprechen. So reden wir in der Sexualität von einem biopsychosozialen Modell welches
immer im Kontext von Biologischen Anlagen, der Psyche und dem sozialen Umwelt gesehen werden muss. Kinder entwickeln Körperwissen, Selbstwahrnehmung, Scham, Autonomie, Nähe-Distanz-Gefühl und Sprache nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Schon sehr junge Kinder erleben ihren Körper beim Wickeln, Baden, Eincremen, Kuscheln, Krabbeln, Laufenlernen oder durch selbstinitiierte Berührungen. Sie entdecken, welche Berührungen angenehm oder unangenehm sind. Sie merken, dass bestimmte Körperbereiche besonders sensibel sind. Das ist zunächst kein sexuelles Verhalten im erwachsenen Sinn, sondern Körperwahrnehmung und die Komplettierung des eigenen Körperbildes.

Kindliche Entwicklung umfasst auch die sexuelle Bildung

Gerade in den ersten Lebensjahren entstehen wichtige Grundlagen für dieses Körperlernen. Kinder speichern Bewegungen, Berührungen und Empfindungen ab. Sie entwickeln eine Art
innere Landkarte ihres Körpers (Homunkulus). Diese Erfahrungen helfen ihnen nicht nur beim Sprechen, Krabbeln oder Laufen, sondern auch dabei, den eigenen Körper als zu sich gehörig, wertvoll und schützenswert zu erleben. Deshalb ist es pädagogisch bedeutsam, wie Erwachsene alltägliche Pflegesituationen gestalten:

  • Wird ein Kind achtsam berührt?
  • Wird angekündigt, was passiert? Werden Körperteile sachlich benannt?
  • Wird ein Kind oder der Genitalbereich beschämt oder die Grenzen und Gefühlsausdrücke des Kindes beachtet und ernst genommen?

Zu Pflegesituationen in der Kita zählen u.a. Hände-/ bzw. Gesicht waschen, Wickeln, Umziehen.

Sexuelle Bildung in der Kita ist Kinderschutz

Eine Kita, die kindliche Sexualität fachlich begleitet, sexualisiert Kinder nicht.
Im Gegenteil: Sie stärkt Kinder. Sexuelle Bildung in der Kita bedeutet, Kindern Sprache für ihren Körper zu
geben, ihre Grenzen ernst zu nehmen und ihnen zu vermitteln, dass Hilfe holen erlaubt ist. Kinder, die Wörter für Vulva, Penis, Hoden und Po kennen, können meist präzise benennen, was passiert ist. Gleichzeitig sorgt die offene und schamreduzierte Benennung der Fachbegriffe für eine offene Ansprechbarkeit und schafft so ein Klima, in denen Kinder wissen, dass sie sich mitteilen dürfen.
Kinder, die Erwachsene als ruhig, klar und ansprechbar erleben, wenden sich eher an sie, wenn etwas unangenehm, verwirrend oder übergriffig war.

Körpererkundung in der Kita – ist das normal?

Im Kindergartenalter gehört auch Körpererkundung zur Entwicklung. Kinder vergleichen Körper, stellen Fragen, beobachten Unterschiede und spielen nach, was sie aus ihrem Alltag kennen. Früher wurde dafür häufig der Begriff „Doktorspiele“ verwendet. Heute ist „Körpererkundungsspiele“ meist passender, weil der Begriff sachlicher beschreibt, worum es geht: Kinder erkunden Körper, Rollen, Unterschiede und Grenzen. Solche Spiele können
entwicklungspsychologisch unauffällig sein, wenn sie freiwillig, wechselseitig und altersnah stattfinden. Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass diese Form von Rollenspiel rein von Kindern initiiert sind und schätzungsweise zwischen 9 und 11% in den Kitas vorkommen. Ein Irrglaube den ich immer wieder höre ist, dass diese “Spiele” von Pädagog*innen angeleitet werden und für diese Spiele extra Räume geschaffen werden. Dazu später.
Entscheidend für jede Form des gemeinsamen Spielens, obgleich Körpererkundungsspiel oder bauen auf dem Bauteppich ist, dass alle Beteiligten freiwillig mitmachen, das jedes Kind jederzeit aufhören kann, das ein Rollentausch stattfindet und das kein Kind dominiert, gedrängt, bedroht oder beschämt wird. Wichtig für weitere Differenzierungen im Körpererkundungsspiel ist, das beteiligte Kinder alters- und entwicklungsnah sein sollten,
meist wird ein Abstand von maximal ein bis zwei Jahren als Orientierung genannt. Nicht in Ordnung sind Druck, Drohung, Bestechung, deutliche Machtgefälle, erwachsenenähnliche Sexualpraktiken oder das Einführen von Gegenständen in Körperöffnungen.

Grundsätzlich ist die große Empfehlung, Spiele, bei denen der Körper erkundet wird aus der Sicht des Kindes zu betrachten. In erster Linie lernen sie hierbei Körperunterschiede kennen, loten ihre eigenen Grenzen und die der anderen aus, gehen in Beziehung und entwickeln ihre Identität. Im Bio-psycho-sozialen Modell braucht es jedoch auch an gewissen Stellen die Soziale Komponente, die dann Einschreitet, wenn Macht-, Zwang- und Geheimhaltungsdruck das Spiel dominieren.

Körpererkundungsspiele in der Kita verbieten?

Ein pauschales Verbot von Körpererkundungsspielen klingt auf den ersten Blick einfach, löst das pädagogische Problem aber nicht. Kinder hören nicht auf, neugierig zu sein, nur weil Erwachsene ein Thema verbieten.
Häufig wandert das Verhalten dann lediglich stärker ins
Verborgene. Sinnvoller ist eine klare, unaufgeregte Begleitung. Kinder brauchen Erwachsene, die weder dramatisieren noch wegschauen. Sie brauchen Regeln, die nicht nur für Körpererkundung gelten, sondern für alle Interaktionen:

  • Nein heißt Nein.
  • Hilfe holen ist immer erlaubt.
  • Jedes Kind darf ein Spiel jederzeit beenden.
  • Niemand steckt etwas in Körperöffnungen.
  • Niemand wird ausgelacht, beschämt oder gezwungen.

Besonders wichtig ist die Frage nach Räumen und Aufsicht. In öffentlichen Debatten entsteht manchmal der Eindruck, Kitas würden spezielle „Doktorspielräume“ oder gar „Räume zum Nacktsein“ einrichten. Das ist fachlich missverständlich und pädagogisch problematisch. Gemeint ist etwas anderes: Jede Kita hat ohnehin unterschiedliche
Raumqualitäten. Es gibt offene Gruppenräume, Toiletten, Waschräume, Nebenräume, Kuschelbereiche, Garderoben oder Rückzugsmöglichkeiten. Diese Räume müssen unter Schutzgesichtspunkten betrachtet werden. Kinder brauchen Rückzug und Würde, etwa beim Umziehen oder bei Pflegesituationen. Gleichzeitig muss eine unaufdringliche Aufsicht möglich bleiben.
Das bedeutet: Fachkräfte stehen nicht kontrollierend daneben, bleiben aber in der Nähe. Sie geben Kindern das Gefühl von Privatheit, ohne die Verantwortung abzugeben.

Rückzugsmöglichkeiten werden nicht als besondere Sexualräume benannt. Es braucht keine Zuschreibung wie „Hier darf man nackt sein“ oder „Hier sind Doktorspiele erlaubt“. Wenn Kinder sich an ungeeigneten Orten entkleiden wollen, etwa im Flur oder in der Garderobe, kann eine Fachkraft ruhig auf einen geschützteren Bereich verweisen. Ebenso gilt das bei Alltagssituationen wie Einnässen, Umziehen oder Eincremen im Sommer. So entsteht kein künstlicher Sonderraum, sondern ein achtsamer Umgang mit Schutz, Scham und Privatsphäre.

Differenzierung von Grenzverletzungen und Übergriffen zwischen Kita-Kindern

Trotz guter Begleitung kann es zu Grenzverletzungen kommen. Das ist für alle Beteiligten unangenehm, aber in pädagogischen Einrichtungen nicht vollständig zu verhindern. Kinder lernen Grenzen im Kontakt mit anderen Kindern. Dabei kann es passieren, dass ein Kind ein anderes schubst, ein Spielzeug wegnimmt, Sand wirft, eine Hose herunterzieht oder eine andere körperliche Grenze überschreitet. Eine Grenzverletzung ist meist einmalig, situativ und pädagogisch korrigierbar. Sie muss trotzdem ernst genommen werden.
Fachkräfte
stoppen das Verhalten, benennen die Grenze, schützen das betroffene Kind und helfen dem grenzverletzenden Kind, das Verhalten einzuordnen.

Davon zu unterscheiden sind Übergriffe. Ein Übergriff liegt näher, wenn ein Verhalten unfreiwillig, gezielt, massiv, wiederholt oder mit einem Machtgefälle verbunden ist. Ein Machtgefälle kann durch Alter, Entwicklung, körperliche Stärke, Gruppendynamik, Abhängigkeit oder besondere Verletzlichkeit entstehen. Übergriffiges Verhalten zeigt sich
nicht nur im sexuellen Bereich. Auch wiederholtes Schlagen, Beißen, Treten oder Steine werfen trotz klarer Intervention kann übergriffig sein. Im sexualbezogenen Bereich sind versuchte oder erfolgte Penetrationen von Körperöffnungen, wiederholtes Herunterziehen der Hose gegen den Willen eines Kindes oder erzwungene Handlungen deutliche Warnsignale.
Hier reicht eine spontane pädagogische Korrektur nicht mehr aus. Fachkräfte müssen sofort handeln: stoppen, trennen, schützen, beruhigen, dokumentieren und im Team abstimmen.

Bei Bedarf müssen Leitung, Träger, Fachberatung, Kinderschutzfachkraft oder spezialisierte Beratungsstellen einbezogen werden. Niemand sollte solche Situationen allein bewerten müssen. Gerade bei sexuellen Übergriffen durch Kinder braucht es eine sorgfältige fachliche Einschätzung, weil sowohl Verharmlosung als auch Dramatisierung Schaden anrichten können.

Wichtig ist auch die Sprache. Kinder unter 14 Jahren sollten nicht als „Täter*innen“ bezeichnet werden. Das bedeutet nicht, übergriffiges Verhalten zu verharmlosen. Es bedeutet, zwischen Verhalten und Identität zu unterscheiden. Ein Kind kann übergriffig gehandelt haben, ohne dass es dadurch auf eine Täterrolle festgeschrieben wird. Betroffene Kinder brauchen Schutz, Trost und verlässliche Erwachsene.

Übergriffig handelnde Kinder brauchen ebenfalls Schutz, Begrenzung und Unterstützung. Ihr Verhalten kann auf Überforderung, fehlende Grenzerfahrungen, belastende Lebensumstände, Vernachlässigung, eigene Gewalterfahrungen oder andere Notlagen hinweisen. Das muss geprüft werden, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Auch die Reaktion der Erwachsenen ist entscheidend. Kinder orientieren sich stark an erwachsenen Gefühlen. Wenn Erwachsene panisch, beschämend oder übermäßig dramatisch reagieren, kann das Kinder zusätzlich belasten. Gleichzeitig wäre es falsch, sexualbezogene Grenzverletzungen oder Übergriffe kleinzureden. Fachlichkeit liegt genau in der Balance: ruhig bleiben, klar schützen, eindeutig benennen und angemessen handeln.

Sexualpädagogische Schutzkonzepte geben Kita-Fachkräften mehr Handlungssicherheit

Kita-Teams brauchen ein sexualpädagogisches Konzept, ein Schutzkonzept und gemeinsame Verfahrenswege.
Es sollte geklärt sein, welche Sprache für Körperteile verwendet wird, wie Pflegesituationen achtsam gestaltet werden, welche Regeln in der Einrichtung gelten, wie Körpererkundung eingeordnet wird, wann und was
dokumentiert wird und wer bei Unsicherheit einbezogen wird.

Ein gutes Konzept nimmt Eltern mit, stärkt Fachkräfte und schützt Kinder.

Wer in diesem Feld arbeitet, braucht dafür mehr als Bauchgefühl. Fachkräfte benötigen Wissen über psychosexuelle Entwicklung, kindliche Körpererkundung, Nähe und Distanz, Scham, Grenzverletzungen, Übergriffe und institutionelle Schutzstrukturen. Genau hier setzt
die Weiterbildung zur Sexualpädagog*in von Lustlogisch an. Sie unterstützt Fachkräfte
dabei, sexuelle Bildung fundiert, altersangemessen und schutzorientiert zu gestalten. Für
Teams und Einrichtungen, die vor allem Sicherheit im Umgang mit grenzverletzendem oder
übergriffigem Verhalten suchen, bietet die Fortbildung „Grenzverletzendes Verhalten“ eine
praxisnahe Vertiefung.

Professionelles Handeln in als Kita-Fachkraft braucht mehr als Bauchgefühl!
Kita-Fachkräfte benötigen Wissen über psychosexuelle Entwicklung, kindliche Körpererkundung, Nähe und Distanz, Scham, Grenzverletzungen, Übergriffe und institutionelle Schutzstrukturen.

Genau hier setzt die Weiterbildung zur Sexualpädagog*in von Lustlogisch an. Sie unterstützt Fachkräfte dabei, sexuelle Bildung fundiert, altersangemessen und schutzorientiert zu gestalten. Für Teams und Einrichtungen, die vor allem Sicherheit im Umgang mit grenzverletzendem oder übergriffigem Verhalten suchen, bietet die Fortbildung „Grenzverletzendes Verhalten“ eine praxisnahe Vertiefung.

Kindliche Sexualität in der Kita ist kein Grund zur Panik

Kindliche Sexualität ist aber auch kein Thema, das nebenbei laufen sollte. Sie gehört zur Entwicklung von Kindern und damit auch in die pädagogische Verantwortung von Kitas. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Neugier verstehen, ihre Grenzen schützen und ihnen Sprache geben.

Eine gute Kita schafft deshalb keinen Raum für Beliebigkeit, sondern einen Rahmen für Entwicklung, Orientierung und Schutz.

Am Ende geht es um eine klare pädagogische Haltung: nicht tabuisieren, nicht dramatisieren, nicht beschämen. Sondern begleiten, begrenzen, schützen und erklären. So wird sexuelle Bildung in der Kita zu einem wichtigen Baustein von Kinderschutz.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Körpererfahrung und Sexualerziehung im
Kindergarten.
Die BZgA stellt Materialien zur Körpererfahrung und Sexualerziehung im
Kindergartenkontext bereit.

Maywald, Jörg: Sexualpädagogik in der Kita. Herder. Maywald beschreibt sexuelle Bildung
und Schutz vor sexualisierter Gewalt als zusammengehörige Aufgaben der Kita.

Zartbitter e.V.: Materialien und Interventionsschritte zu sexuellen Übergriffen durch Kinder in
Institutionen.
Zartbitter betont, dass solche Fälle nicht allein beraten werden sollten und
strukturierte Intervention benötigen.

Deutsches Jugendinstitut: Fachliche Arbeiten zu sexuellen Grenzverletzungen, Kinderschutz
und institutioneller Prävention.

WHO-Regionalbüro für Europa / BZgA: Standards für die Sexualaufklärung in Europa. Die
Standards beschreiben sexuelle Entwicklung als Thema, bei dem Kinder und Jugendliche
altersangemessene Unterstützung brauchen.

Über den Autor dieses Blogartikels

  • Tim Berkels
  • Inh. Lustlogisch und Kon*Sens – Fachberatung für Sexualität und Identität

  • Sexualpädagoge; Fachkraft für Kriminalprävention – Schwerpunkt sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche

  • 015563 558900

Tim Berkels

Inh. Lustlogisch